Geschichte

1797

«Gebäud-Versicherungs-Gesellschaft gegen Feurs Brunsten»

1797 verfasst ein unbekannter Autor im Thurgau einen «Plan zur Errichtung einer Gebäud-Versicherungs-Gesellschaft gegen Feurs Brunsten». Die Versicherung sollte freiwillig sein und sichere und schnelle Hilfeleistung für Brandgeschädigte erbringen, den Wiederaufbau der Immobilie garantieren und die öffentlichen Armenkassen entlasten. Aber die Obrigkeit stand dem Anliegen in den unruhigen Zeiten am Ende des Ancien Regime skeptisch ge­gen­über. Immer wieder kam es zu Brandfällen mit ruinösen Folgen für die Immobilien­besitzer. Der Brandbettel war verboten worden und die öffentlichen Sammlungen für die Opfer erbrachten keine ausreichende Unterstützung.
1806

Obligatorische Brandassekuranz

1806 gründete der Thurgau eine staatliche Brandassekuranz, nur ein Jahr nachdem im Kanton Aargau die erste Institution dieser Art entstanden war. Damit hatten brand­ge­schädig­te Haushalte erstmals einen rechtlich verbrieften Anspruch auf finanzielle Ent­schädi­gung. Dafür mussten alle Hausbesitzer in die Versicherung eintreten und eine Solidargemeinschaft bilden, die die Unterstützung der Brandopfer zu tragen hatte.
1806 ff

Brandsteuer nach Bedarf

Regelmässige Prämienerhebungen gab es in den Anfängen der Brandassekuranz noch nicht. Leistungen für Brandschäden wurden im Nachhinein und je nach finanziellem Bedarf von den Versicherten eingezogen. Erst wenn die erhobene Brandassekuranzsteuer aufgebraucht war, wurde wieder eine neue erhoben. Die Abstände zwischen den Steuererhebungen lagen bei vier bis 36 Monaten.
1807

Kantonale Feuerordnung

Beinahe gleichzeitig mit der Einführung der Gebäudeversicherung wurde auch die erste kantonale Feuerordnung erlassen. Sie enthielt in 90 Paragraphen eine Vielfalt präventiver Regelungen zum Umgang mit Feuer, Verbote von feuergefährlichen Arbeiten in Wohn­häu­sern, Vorschriften für feuergefährliche Gewerbe und Reglementierungen für den Hausbau. Versicherung und Gesetz sollten zusammenwirken, um «die Sicherheit und den Wohlstand des Kantons positiv zu beeinflussen». Die Feuerwehr steckte am Anfang des 19. Jahrhunderts noch in den Kinderschuhen, es wurde vor allem mit Feuereimer und Feuerhaken gegen Brände vorgegangen, was nicht selten misslang; ganze Dorfteile fielen immer wieder dem Feuer zum Opfer.
1809

«General-Feuer-Assecuranz-Cadaster»

Alle Gebäude im Kanton Thurgau wurden im Laufe von drei Jahren registriert, geschätzt und im «General-Feuer-Assecuranz-Cadaster» eingetragen. Bereits einen Monat nach der Grün­dung der Brandassekuranz erging der Auftrag der Finanz­kommission an die Gemeinde­räte, den Bestand in ihrer Gemeinde nach einem vorgegebenen Raster aufz­unehmen. Diese Brandversicherungen, die sehr schnell in der ganzen Schweiz eingeführt wurden, trugen wesentlich dazu bei, dass die Entwicklung einer bürgerlichen Eigentümergesellschaft am Ende der Feudalherrschaft rasch voranschritt.
1835

Jedem Risiko seine eigene Prämie

Mit Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts nahm die Dynamik der Wirt­schaft rasant zu. Das Versicherungs­kapital erhöhte sich von 1860 bis 1910 von 61 auf 380 Millionen Franken. Aber die Wirtschaftsentwicklung brachte auch laufend neue Risiken und Gefahrenherde mit sich. 1835 wurden die Fabriken gemäss ihrer Brandgefährlichkeit in verschiedene Beitragsklassen eingeteilt. Politisch war dieser Schritt unbestritten; dagegen wuchs der Widerstand gegen das Monopol, das in einem wirt­schafts­libe­ralen Klima des Aufbruchs Missfallen erregte. Trotzdem wurde das Obligato­rium von 1806 in den 30er Jahren gegen den Widerstand der grossen Fabrikanten um das Monopol ergänzt.

1879

Rückversicherung grosser Risiken

Nach mehreren grossen Brandereignissen beendete der Grosse Rat die Diskussion, ob Gross­risi­ken bei einer Privat­ver­sicherung zu hohen Kosten rückversichert werden sollten oder nicht. 1879 schloss der Regierungs­rat mit der französischen Ver­sicher­ungs­gesell­schaft Phénix für die hohen Ver­sicher­ungs­werte einen entsprechenden Rü­ckversicher­ungs­ver­trag ab.

1910

Regelmässige Prämien schaffen Sicherheit

Am 24. Mai 1910 stimmte der Grosse Rat dem Antrag des Regierungsrates für die Einführung einer Jahresprämie und die Äufnung eines Reservefonds zu. Damit hatte sich die Gebäu­de­ver­sicher­ung den zeitgemässen versicherungs­technischen Anforderungen angepasst. 

1933

Ausweitung der Versicherung auf «Naturgewalten»

Der Umgang mit Elementarschäden unterschied sich bis ins 20. Jahrhundert hinein massiv vom Brandschadenbereich. Elementar­schäden konnten nicht versichert werden und die Opfer waren jeweils auf Zu­wendungen angewiesen, die den Charakter einer Armenfürsorge hatten. Das änderte im Kanton Thurgau erst 1933 mit der Einführung der Elementar­schaden­ver­sicher­ung. 90 Prozent des Schadens waren damals gedeckt, Erd­beben­schäden waren aus­ge­schlossen und eine Franchise von 100 Franken wurde eingeführt. 

1948

Reorganisation der Feuerpolizei

Mit der Verabschiedung einer neuen Feuerpolizeiverordnung wurde die Feuerpolizei dem Assekuranzdepartement unterstellt und damit der Aufgabenbereich der Ge­bäude­ver­sicher­ung erheblich ausgeweitet. Das spiegelte sich auch in den Anschaffungen der Ge­bäu­de­ve­rsicher­ung. 1948 wurde das erste Auto – ein Citroen, Typ II Légère, ein Jahr später eine Kamera erworben.

1954

Brandverhütungspropaganda für Hausfrauen

Mit dem Beginn des Massenkonsums in den «Goldenen» Jahren rückte der Haushalt als neuer Risikoschauplatz ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Die zunehmende Technisierung und die steigende Zahl von Apparaten mit denen sich die moderne Hausfrau umgab, führte zu einer Einstufung des Haushalts als besonders risikoreich. Abhilfe sollte eine professionelle Propagandakampagne schaffen: «Der Gedanke der Brandverhütung soll in breiteste Schichten der weiblichen Bevölkerung getragen werden und damit vor allem Hausfrauen erfassen.»
1958

Einführung der Neuwertversicherung

Mit den hohen Inflationsraten in den 80er Jahren konnte der Bauwert der Gebäude mit der rasch steigenden Teuerung nicht mehr mithalten, die Kosten für einen Wiederaufbau waren nicht mehr gedeckt. Private Versicherungen hatten bereits 1958 so genannte Neu­wert­ver­sicher­ungen eingeführt. Damit ging der Wert­ver­lust einer Immobilie über die Zeit nicht mehr länger zu Lasten des Versicherten, sondern wurde von der Gebäude­versicherung getragen. Als Grundlage dient der laufend aktualisierte Bau­kosten­index. Im Kanton Thurgau wurde diese Verbesserung 1970 obligatorisch eingeführt.
1975

Vom Volk in die Selbständigkeit entlassen

Am 5. Dezember 1975 stimmte das Thurgauer Volk einem neuen Gesetz über die Gebäude­ver­sicher­ung zu, das die staatliche Institution in die rechtliche Selbständigkeit entliess. Fortan war die Gebäudeversicherung Thurgau eine juristische Person des öffentlichen Rechts. Damit war sie nicht mehr länger dem Regierungsrat sondern dem Grossen Rat unterstellt. Gleichzeitig wurde auch ein neues Gesetz über den Feuerschutz erlassen, das dem Wandel und dem Anstieg der Gefahren in der Nachkriegszeit Rechnung trug. Der Feuerschutz blieb eine polizeiliche Aufgabe und unterstand weiterhin dem Regierung­srat - seit 1991 gehört es in den Zuständigkeitsbereich des Departements für Justiz und Sicherheit.

1999

Interkantonale Risikogemeinschaft Elementar

Im Katastrophenjahr 1999 war die Gross-Schadengrenze der Gebäudeversicherung massiv überschritten worden und die fünf Jahre zuvor gegründete Interkantonale Risiko­gemein­schaft Elementar leistete wertvolle Hilfe. Diese spezielle Rückversicherung der Kantonalen Gebäude­versicher­ungen kommt für Schäden auf, die die definierte Gross-Schadengrenze überschreiten und leistet damit einen wichtigen Beitrag zum Risikoausgleich.